Wie es zum Hipster kam…

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…und was das mit Musik zu tun hat.

Mann trägt wieder Bart – viel Bart. Sowieso ist der Bart der Inbegriff der Männlichkeit. Der Bartträger protzt also nur so vor Testosteron. Wahrscheinlich möchte Mann damit kompensieren, dass er nun mit Turnbeutel und in super-skinny-Röhre rumläuft und die Haare modisch zu einem Pferdeschwanz oder Dutt frisiert hat. So geht mann heutzutage auch in Clubs – das zeigt die eigene Individualität; mann (und frau) ist ja so hip. Komplementiert man diesen Auftritt noch mit Sprüchen wie „Das ist mir zu Mainstream.“, denn mann ist ja so YOLO unterwegs und liebt seinen SWAG, ist das Hipsterdasein perfekt inszeniert. Mann geht in Underground-Clubs, die so underground sind, dass mann nur durch einen Gullideckel in die Tiefe kommt. What does the Fox says? Always be yourself unless you can be a unicorn – then always be a unicorn. Ja, Hipster sind Unicorns. Alle so individuell und doch so gleich. Sie sind zum Liebes- und Hassobjekt Nr. 1 aufgestiegen und jeder möchte mehr hipster sein als der andere. Was früher mal ultra-uncool war, ist jetzt der höchste Ausdruck von Individualität. Doch was hat das alles mit Musik zu tun? Bevor ich diese Frage kläre, brauche ich erstmal einen kräftigen Schluck von meinem supergesunden, veganen Getränk. (Das nennt sich übrigens Wasser… Mehr hipster wäre wohl sowas wie Club-Mate…)

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Teil einer hippen urbanen Subkultur, die vor der Wirklichkeit flüchten wollte – das ist es, was ein Hipster Mitte des 20. Jahrhunderts war. Der männliche Hipster in Manhattan trug Unterlippenbart – zum Glück sind wir immerhin davon verschont geblieben – und traf sich in Clubs, Galerien oder Theatern. Der Begriff Hipster erschien zum ersten Mal in den 1950er Jahren auf der Bildfläche – geprägt waren diese Leute musikalisch von Bebop, einer Musikrichtung, die sich von Jazz und Swing löste. Die Philosophie war beeinflusst vom Existentialismus (Sartre & Camus):

„Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt, anstatt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumenkohl; nichts existiert diesem Entwurf vorweg, nichts ist im Himmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat, nicht was er sein wollen wird. Denn was wir gewöhnlich unter Wollen verstehen, ist eine bewusste Entscheidung, die für die meisten unter uns dem nachfolgt, zu dem sie sich selbst gemacht haben. Ich kann mich einer Partei anschließen wollen, ein Buch schreiben, mich verheiraten, alles das ist nur Kundmachung einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als was man Willen nennt“. Sartre, Jean-Paul: Ist der Existenzialismus ein Humanismus? Drei Essays, Frankfurt 1989, S. 20.

Vorbilder der meist weißen Hipster waren schwarze Jazzmusiker, wie bspw. Dizzy Gillespie, einer der führenden Musiker des Bebop und sozusagen der Inbegriff des Hipster-Intellektuellen. (Ich empfehle hier dringend, um richtig in Stimmung zu kommen, beim Lesen meines Artikels das hier eingefügte YouTube-Video zu hören.)

Vorbild des Hipstertums war also eine Minderheit. Die Anpassung an eine Minderheit konnte in den USA der 1950er Jahre durchaus als ein selbsterniedrigender Akt gesehen werden und gleichzeitig als Protest gegen bestehende Normen. Eine Definition des Begriffs „Hipster“ ist eigentlich kaum möglich, da es eine Lebenseinstellung und einen Lebensstil beschreibt; klar ist aber, dass sich der Begriff von „hip“ ableitet – das ist nun wirklich keine Überraschung. Hip ist nunmal das, was angesagt ist – oder auch nicht.

„[…] the source of Hip is the Negro for he has been living on the margin between totalitarianism and democracy for two centuries. But the presence of Hip as a working philosophy in the sub-worlds of American life is probably due to jazz, and its knife-like entrance into culture, its subtle but so penetrating influence on an avant-garde generation […]“ Mailer, Norman: The White Negro, 1957.

Hipster bedeutet Offenheit. Durch diese Offenheit eröffnen sich neue Wege – nicht nur in der Musik. Der oben zitierte Norman Mailer sieht den Hipster als einen Rebellen – aber einen Rebellen, der sein Rebellentum eher im Stillen auslebt und der nur durch eine „magische Ausstrahlung“ dieses nach außen trage. Die Musik ist dabei der musikalische Ausdruck für seine Existent – und die findet sich nunmal in der Jazz-Musik und ihren Ausläufern. Da finden Klischees wie der zum Jazz-hören-Wein-süffelnde-Intellektuelle seinen Ursprung. Mailer charakterisiert den Hipster als jemand, der die Wahrheit im Hier und Jetzt sucht und nicht in Vergangenem oder der Zukunft. Deshalb sei der Hipster so offen für alles – für Konservatismus wie für Fortschritt. (Das kommt uns ja bekannt vor…) Die Verlockung einer eigenen Weltsicht, die nicht von der Gesellschaft geformt ist, war in Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg und des Manhatten-Projekts bzw. nach den Atombombenabwürfe auf Hiroshima eine Möglichkeit der Flucht aus dem bestehenden Alltag. Der Hipster entwickelte so seine eigenen Werte und Normen, und trägt diese sichtbar nach außen: Durch Mode und Musik. Denn mit Musik kann er sich am besten selbst inszenieren – durch Tanzen. Der Hipster ist also in der Disco angekommen.
In Another Saturday Night beschreibt Nick Cohn die rituellen Handlungen der Disco-Hipster, hier verallgemeinert mit dem Begriff Faces:

It was a true sanctuary. Once inside, the Faces were unreachable. Nothing could molest them. They were no longer unreachable. Nothing could molest them. They were no longer the oppressed, wretched teen menials who must take orders, toe the line. Here they took command, they reigned. The basic commandments were simple. To qualify as an Odyssey [Club] Face, an aspirant need only be Italian, between the ages of eighteen and twenty-one, with a minimum stock of six floral shirts, four paris of tight trousers, two pairs of Gucci-style loafers, two pairs of platforms, either a pendant or a ring, and one item in gold. In addition, he must know how to dance, how to drice, how to handle himself in a fight. He must have respect, even reverence, for Facehood, and contempt for everything else. He must also be fluent in obscenity, offhand in sex. Most important of all, he must play though.“ Cohen, Nik: Another Saturday Night, in: Ball the Wall, S. 231; zitiert nach Poschardt, Ulf: DJ Culture. Discjockeys und Popkultur, Hamburg 1997, S. 134-135.

Der Hipster stellt sich selbst an den Rand der Gesellschaft. Durch die Selbstinszenierung als Außenseiter bzw. als Angehöriger einer Minderheit („White Negro“) schafft er es, die von der Gesellschaft auferlegten Normen und Identitäten in Frage zu stellen. Der Hipster „begreift das „Ich“ als ein stilistisches, ästhetisches Projekt, an dem voller Ernst gearbeitet wird“ (Poschardt 1997, S. 415.). Im Bebop spiegelt sich dieses durch die Inszenierung der eigenen Musik bei virtuosen, solistischen Passagen wider.

Der Stil des Hipsters wird zum offensichtlichen Unterscheidungsmerkmal; die Schaffung einer eigenen Welt und Realität macht ihn unangepasst. Die Underground-Nachtclubs spielen hierbei insofern eine Rolle, dass sie einen Ort des Austauschens bieten.
Mittlerweile hat der Begriff Hipster immens an Popularität gewonnen. Es gibt Hipster-Clubs, Hipster-Labels, sogar Hipster-Wallpapers (siehe Google). Natürlich darf da auch eine Spotify-Playlist für Hipster nicht fehlen. (Ob die Hipster das wirklich hören?) Der Hipster ist ein zentraler Aspekt unserer heutigen Kultur und Gesellschaft und bestimmt diese mit. Denn der Hipster kannte bestimmte LPs schon, bevor diese und die Bands bekannt wurden. Danach sind die dann einfach zu Mainstream…. 😉

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Abschließen möchte ich diesen Post mit einer Passage aus dem Roman „Hipster wird’s nicht: Der Neuköllnroman“ von Uli Hannemann:

„Ich bin wieder am Ausgangspunkt meiner Fahrt. Im weiteren Verlauf steigen immer mehr Riesenbabys zu. Sie tragen Säuglingsmützen aus Wolle mit langen Kordeln, die rechts und links herunterhängen. Vorsteinzeitliche Zotteljacken grüßen aus Neandertal. Darüber haben sie sich meterlange Schlauchschals um den Hals sowie den ganzen Körper gewickelt. Und alle tragen Stoffbeutel mit coolen Labels oder ironisch auf links gedrehten Botschaften beliebigen politischen Inhalts. Offenbar durchfahren wir gerade den Neuköllner Norden. Hier bin ich selten. Dennoch habe ich mitbekommen, dass sich das bis vor kurzem schlecht beleumundete Viertel mit dem massiven Austausch der Bevölkerung rasant ändert. Inzwischen dominieren hier die Neubewohner, jung, optimistisch und durch die Bank nicht in Berlin geboren. Das müssen diese „Hipster“ sein, von denen man jetzt immer hört. Sie selber nennen sich ja nicht so und wollen so auch nicht von anderen bezeichnet werden. Das habe ich mal in einer Doku auf Phoenix Youth gesehen. In dem Beitrag behaupteten die Hipster sogar, dass es sie de facto gar nicht gibt. Im Grunde wie Vampire. Leider befindet sich im Wagen kein Spiegel, um das nachzuprüfen, und sie einfach anzufassen gehört sich nicht.“

Bei Interesse an diesem Thema empfehle ich die entsprechenden Teile aus „DJ Culture. Discjockeys und Popkultur“ von Ulf Poschardt, die mir auch teilweise als Grundlage für diesen Beitrag dienten. Ein Blog, den ich zum heutigen Hipster auch empfehlen kann ist: HipsterHype – übrigens sogar mit Anleitung zum Hipster-werden.

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